WISSEN · OTA-ABHÄNGIGKEIT · LESEDAUER: CA. 8 MINUTEN
Die wahre Provision: Warum aus 15 Prozent schnell 25 werden
Kurz zusammengefasst: In deinem Vertrag mit einer Buchungsplattform steht eine Zahl, typischerweise 15 Prozent. Auf dem Konto kommt in vielen Häusern deutlich weniger an. Der Grund sind Zusatzprogramme, die sich stapeln: Der Genius-Rabatt von 10 bis 20 Prozent wird vom Hotel bezahlt, nicht von der Plattform. Der Status als bevorzugter Partner kostet drei zusätzliche Prozentpunkte. Ein Sichtbarkeitsbooster kann weitere 5 bis 30 Punkte draufrechnen. Und die Provision wird auf den bereits rabattierten Preis erhoben. Dieser Beitrag rechnet die Treppe Stufe für Stufe durch und zeigt, wo du deinen eigenen Wert findest.
Die Zahl im Vertrag und die Zahl auf dem Konto
Die meisten Hoteliers können ihre Provision auf Anhieb nennen. 15 Prozent, manchmal 12, manchmal 17, je nach Markt und Vertrag.
Diese Zahl stimmt. Sie ist nur nicht vollständig.
Sie beschreibt, was die Plattform für die reine Vermittlung nimmt. Was sie nicht beschreibt, sind die Programme, die im Extranet angeboten werden und die fast jedes Haus irgendwann einmal aktiviert hat. Jedes einzelne davon ist nachvollziehbar begründet, meist mit mehr Sichtbarkeit. Zusammen verschieben sie die Rechnung erheblich.
Das Problem ist nicht, dass es diese Programme gibt. Das Problem ist, dass ihre Wirkung nirgends addiert angezeigt wird. Es gibt im Extranet keine Zeile, in der steht, wie viel von hundert Euro Zimmerpreis am Ende bei dir ankommt.
Die drei Aufschläge
Der Genius-Rabatt. Genius ist das Treueprogramm für Gäste, gestaffelt in drei Stufen: 10, 15 und 20 Prozent Rabatt. Der entscheidende Punkt wird oft überlesen: Diesen Rabatt finanziert das Hotel, nicht die Plattform. Eine zusätzliche Provision fällt dafür nicht an, aber der Umsatz sinkt um den vollen Rabattbetrag.
Dazu kommt eine Besonderheit in der Reihenfolge. Die Provision wird auf den bereits rabattierten Preis berechnet. Das klingt zunächst nach einem Vorteil, weil die Provisionssumme sinkt. Für dich ist es trotzdem der schlechtere Weg, weil du sowohl den Rabatt trägst als auch weiterhin Provision zahlst.
Der Preferred-Partner-Status. Er kostet rund drei zusätzliche Prozentpunkte auf die Grundprovision, also aus 15 werden 18. Dafür erscheint das Haus weiter oben in den Listen und bekommt eine Markierung.
Der Sichtbarkeitsbooster. Hier erhöht das Hotel die Provision für ausgewählte Zeiträume freiwillig, um kurzfristig mehr angezeigt zu werden. Die Spanne reicht je nach Einstellung von 5 bis 30 zusätzlichen Prozentpunkten. Das ist das Programm, das die Rechnung am stärksten verschiebt, und gleichzeitig das, das am ehesten vergessen wird, weil es oft für eine schwache Saison aktiviert und danach nicht wieder abgeschaltet wird.
Die Treppe, Stufe für Stufe
Gerechnet auf einen Zimmerpreis von 100 Euro, damit die Zahlen direkt als Prozente lesbar sind.
Stufe 1, nur die Grundprovision von 15 Prozent. Der Gast zahlt 100 Euro, du zahlst 15 Euro Provision und behältst 85 Euro. Effektive Belastung: 15,0 Prozent.
Stufe 2, dazu Genius Stufe 1 mit 10 Prozent Rabatt. Der Gast zahlt nur noch 90 Euro, darauf 13,50 Euro Provision, du behältst 76,50 Euro. Effektive Belastung: 23,5 Prozent.
Stufe 3, dazu der Preferred-Partner-Status. Die Provision steigt auf 18 Prozent, also 16,20 Euro von 90 Euro. Du behältst 73,80 Euro. Effektive Belastung: 26,2 Prozent.
Stufe 4, Genius steigt auf Stufe 2 mit 15 Prozent Rabatt. Der Gast zahlt 85 Euro, die Provision liegt bei 15,30 Euro, du behältst 69,70 Euro. Effektive Belastung: 30,3 Prozent.
Stufe 5, dazu ein Sichtbarkeitsbooster mit 10 zusätzlichen Prozentpunkten. Von 85 Euro gehen 23,80 Euro ab, du behältst 61,20 Euro. Effektive Belastung: 38,8 Prozent.
Die letzte Zeile ist der Extremfall, nicht der Normalfall. Ein Haus, das alle Programme gleichzeitig auf höchster Stufe fährt, ist die Ausnahme.
Interessanter ist die zweite Zeile. Genius allein, ohne jedes weitere Programm, hebt die effektive Belastung von 15 auf 23,5 Prozent. Das ist keine Ausnahme, das ist bei vielen Häusern der Alltag, und es ist ein Drittel mehr, als die Zahl im Vertrag vermuten lässt.
Was das im Jahr bedeutet
Nimm das Beispielhaus aus unserem Beitrag zu den OTA-Kosten: 40 Zimmer, 120 Euro Durchschnittspreis, 70 Prozent Auslastung. Das ergibt rund 1,2 Millionen Euro Logisumsatz im Jahr. Davon kommen 65 Prozent über Plattformen, also rund 797.000 Euro.
Bei einer effektiven Belastung von 15 Prozent, also nur der Grundprovision, sind das rund 120.000 Euro im Jahr. Bei 23,5 Prozent, also mit Genius Stufe 1, rund 187.000 Euro. Bei 26,2 Prozent, also mit Genius und Preferred-Status, rund 209.000 Euro.
Zwischen der ersten und der dritten Zeile liegen rund 89.000 Euro im Jahr. Das ist der Unterschied zwischen der Zahl, die man im Kopf hat, und der Zahl, die tatsächlich abfließt.
Zur Einordnung: Das ist mehr, als zwei Vollzeitstellen im Service kosten.
Warum die Programme trotzdem nicht einfach falsch sind
An dieser Stelle wäre die naheliegende Empfehlung, alles abzuschalten. Das wäre zu einfach.
Die Programme wirken. Die Plattform selbst nennt für Genius rund 70 Prozent mehr Suchaufrufe und 45 Prozent mehr Buchungen. Das sind Zahlen des Anbieters und damit Marketingmaterial, aber die Richtung ist plausibel: Mehr Sichtbarkeit bringt mehr Buchungen.
Die Frage ist deshalb nicht, ob die Programme etwas bringen. Sie lautet: Bringen sie genug, um den Unterschied zwischen 15 und 26 Prozent zu rechtfertigen?
Diese Frage lässt sich beantworten, aber nur mit den eigenen Zahlen. Ein Haus in einer Region mit wenig Wettbewerb und hoher Stammgastquote braucht die zusätzliche Sichtbarkeit weniger als ein Haus in einer Stadt mit dreißig vergleichbaren Betrieben. Und ein Haus, das im August ohnehin voll ist, braucht im August keinen Sichtbarkeitsbooster.
Der Fehler ist selten, ein Programm zu aktivieren. Der Fehler ist, es dauerhaft laufen zu lassen, ohne die Rechnung je wieder anzuschauen.
Wie du deinen eigenen Wert findest
Die Zahl, um die es geht, steht in keinem Bericht. Du musst sie selbst bilden, und es dauert ungefähr eine halbe Stunde.
1. Nimm einen abgeschlossenen Monat. Nicht die laufende Saison, sondern einen Monat, der vollständig abgerechnet ist.
2. Zähle zwei Summen zusammen. Erstens, was die Gäste über die Plattform tatsächlich bezahlt haben. Zweitens, was bei dir angekommen ist, also nach Provision und nach allen Rabatten.
3. Rechne die Differenz auf den Listenpreis. Nicht auf den rabattierten Preis. Der Rabatt ist Teil der Kosten, sonst rechnest du dir die Belastung schön.
4. Vergleiche das Ergebnis mit deiner Vertragsprovision. Die Lücke zwischen beiden Zahlen ist der Teil, über den nie jemand spricht.
Die Erfahrung aus solchen Rechnungen: Die meisten Häuser liegen zwischen 20 und 27 Prozent, nicht bei 15. Und fast niemand rechnet damit.
Was du danach tun kannst
Programme einzeln prüfen, nicht pauschal abschalten. Für jedes Programm dieselbe Frage: In welchen Zeiträumen brauche ich es wirklich? Ein Sichtbarkeitsbooster in der Nebensaison kann sinnvoll sein, in der Hochsaison verschenkt er Geld.
Den Sichtbarkeitsbooster als Erstes anschauen. Er ist der größte einzelne Hebel und derjenige, der am häufigsten unbemerkt weiterläuft.
Die Differenz als Budget begreifen. Wenn dein Haus an ein Portal 200.000 Euro im Jahr abgibt, ist das der Maßstab für jede Überlegung zum eigenen Kanal. Gemessen daran ist ein eigenes Werbebudget im niedrigen vierstelligen Bereich pro Jahr keine große Entscheidung.
Nicht kündigen. Plattformen bringen Gäste, die dich nie gefunden hätten. Das Ziel ist, das Verhältnis zu verschieben, nicht den Kanal abzuschaffen. Dazu haben wir einen eigenen Beitrag geschrieben.
Für wen dieser Beitrag relevant ist
Er lohnt sich für dich, wenn du mindestens eines der genannten Programme aktiv hast und nicht genau sagen könntest, wann du es zuletzt überprüft hast. Das trifft auf die meisten Häuser zu.
Er ist weniger relevant, wenn du ausschließlich zur Grundprovision arbeitest und keines der Zusatzprogramme nutzt. Dann stimmt deine Zahl im Kopf mit der Realität überein, und du gehörst zu einer kleinen Gruppe.
Quellen: Programmbedingungen von Booking.com zu Genius, Preferred Partner und Sichtbarkeitsbooster, Stand Sommer 2026, zusammengetragen aus Branchenauswertungen (KIMISUITE, Juni 2026; Lodgify, 2026). Sichtbarkeitszahlen zum Genius-Programm nach Angaben des Anbieters. Eigene Beispielrechnung auf Basis von 40 Zimmern, 120 Euro Durchschnittspreis und 70 Prozent Auslastung. Die Grundprovision unterscheidet sich je nach Markt und Vertrag, maßgeblich ist immer der eigene Vertrag.
Häufige Fragen
Zahlt Booking.com den Genius-Rabatt oder ich?
Du. Der Rabatt wird vom Zimmerpreis abgezogen und mindert deinen Umsatz. Die Plattform verlangt dafür keine zusätzliche Provision, trägt aber auch nichts zum Rabatt bei. Das ist der am häufigsten missverstandene Punkt im ganzen Programm.
Wie finde ich heraus, welche Programme bei mir aktiv sind?
Im Extranet unter den Bereichen für Rabatte, Sichtbarkeit und Partnerstatus. Wichtig ist, alle drei einzeln durchzugehen, weil sie an unterschiedlichen Stellen stehen und keine gemeinsame Übersicht existiert.
Kann ich Genius abschalten, ohne Sichtbarkeit zu verlieren?
Nein, das ist der Tauschhandel. Weniger Rabatt bedeutet weniger bevorzugte Platzierung. Deshalb ist die Antwort selten ein einfaches Ja oder Nein, sondern eine Frage der Zeiträume: Wo brauchst du die Sichtbarkeit, und wo bist du ohnehin voll?
Ist die Provision bei anderen Plattformen niedriger?
Die Grundsätze ähneln sich, die Sätze und Programmnamen unterscheiden sich. Wichtiger als der Vergleich zwischen Plattformen ist, die eigene effektive Belastung je Kanal zu kennen. Erst dann lässt sich vergleichen.
Lohnt sich ein eigener Werbekanal bei diesen Zahlen?
Das ist genau die Rechnung, die sich daraus ergibt. Wenn eine vermittelte Buchung effektiv 25 Prozent kostet, ist die Frage nur noch, ob eine eigene Kampagne dieselbe Buchung günstiger erzeugt. In unserem Beitrag zu Meta Ads steht ein durchgerechnetes Beispiel dazu.